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Zeitbombe Alterskrankheiten
Neue Herausforderungen für Gehirnforschung und GesundheitssystemeUntersuchungen gehen davon aus, dass die durchschnittliche Lebenserwartung pro Jahrzehnt um etwa 2,6 Jahre ansteigt, was eine Zunahme von altersassoziierten Erkrankungen bedeutet.


„Ein Anstieg von altersassoziierten Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson, Schlaganfall, Bewegungsstörungen, neuropathischem Schmerz, bedeutet für die Neurologie und die Psychiatrie bisher ungekannte Herausforderungen“, sagt Univ.-Prof. Dr. Franz Fazekas (Universitätsklinik für Neurologie, Graz; Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie – ÖGN). Die Pressekonferenz fand in Wien im Vorfeld der gemeinsamen Jahrestagung der ÖGN, der Österreichischen Alzheimer-Gesellschaft (ÖAG) und der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP) statt (25.-28. April in Salzburg).


„Degenerative Erkrankungen wie die Alzheimer-Demenz oder Parkinson sind vor dem 60 Lebensjahr zumeist noch selten, steigen dann aber rapide an. Auch Schlaganfälle treten bei unter 40jährigen nur selten auf, werden bis zum 60. Lebensjahr rasch häufiger, und das Risiko verdoppelt sich danach praktisch alle 5 Jahre“, rechnet Prof. Fazekas vor. Nach Berechnungen der Statistik Austria werden bis zum Jahr 2035 in Österreich zwischen 2,7 und 3 Millionen Personen im Alter von über 60 Jahren leben. Die Altersgruppe der 75- bis 85-Jährigen wird von derzeit 465.000 Personen auf etwas über 700.000 im Jahr 2035, die Zahl der über 85-Jährigen von 104.000 auf 280.000 Personen anwachsen. Das hat massive Auswirkungen auf das Auftreten bestimmter neurologischer Krankheiten .


Eine aktuelle Hochrechnung des Österreichischen Bundesinstitutes für Gesundheit (ÖBIG) zeigt bis zum Jahr 2020 1000 PatientInnen mehr mit peripheren Nervenerkrankungen, 2000 mehr Parkinson-Erkrankungen, 5000 mehr Schlaganfälle. Prof. Fazekas: „Das sind Zuwachsraten zwischen 15 und 30 Prozent.“


Im Jahr 1951 litten in Österreich rund 35.500 Menschen an Demenz-Erkrankungen, 2050 werden es rund 234.000 sein. Dann würden auf 17 Personen im erwerbsfähigen Alter ein Patient mit Hirnleistungsstörungen kommen.


„Neurology“ veröffentlichte eine Prognose, der zufolge sich weltweit die Anzahl von Parkinson-Kranken in den kommenden 25 Jahren verdoppeln wird – die für Österreich erwarteten Zahlen liegen im gleichen Bereich. In den weltweit populationsstärksten Staaten sowie den fünf größten westeuropäischen Ländern ergibt das eine Entwicklung von heute 4,1 Millionen Parkinson-Kranken auf 8,7 Millionen bis 2030.


Gehirnstörungen: 127 Millionen Europäer betroffen, 386 Milliarden Euro Kosten pro Jahr
„Diese Entwicklung kann nur durch effiziente Therapien zur Vorbeugung oder Verzögerung des Auftretens dieser Erkrankungen und ihre Behandlung gebremst werden“, sagt der ÖGN-Präsident. „Natürlich ist damit keine Kostenreduktion zu erwarten, und die Ausgaben für neurologische Erkrankungen sind schon jetzt beträchtlich.“ Die geschätzten Kosten pro Jahr für einen Patienten mit Multipler Sklerose (MS) betragen rund 23.000 Euro, für einen Schlaganfallpatienten rund 17.000 Euro, für einen Demenzkranken rund 11.000 Euro, für einen Parkinsonpatienten etwa 8.000 Euro, für einen Patienten mit Epilepsie etwa 6.000 Euro.


Eine im European Journal of Neurology veröffentlichte Untersuchung geht davon aus, dass in der EU, in Norwegen, Island und der Schweiz mit einer Population von insgesamt 466 Millionen Menschen etwa 127 Millionen unter einer oder mehreren Gehirnerkrankungen leiden. Die Kosten für Gehirnstörungen betragen europaweit demnach 386 Milliarden Euro, durchschnittlich 829 Euro pro Bewohner und Jahr.


In Österreich betragen die geschätzten Ausgaben für Gehirnerkrankungen wie die Demenz 1094 Millionen Euro, für Migräne 412 Millionen Euro, für Schlaganfall 395 Millionen Euro, für Epilepsie 316 Millionen Euro, für Multiple Sklerose 213 Millionen Euro, für die Parkinson-Erkrankung 153 Millionen. Euro, und für Gehirntumore 81 Millionen Euro.


Aus all dem ergeben sich, so der ÖGN-Präsident, notwendige Maßnahmen und Forderungen:
• Intensivierte nationale und internationale Förderung der Forschung besonders auch in Bezug auf altersassoziierte neurologische Erkrankungen. EU-Förderprogramme für Hirnforschung haben derzeit ein Fördervolumen von nur 0.01 - 0.13 Prozent der jährlichen Kosten, die durch diese Erkrankungen verursacht werden.
• Planerische Vorkehrungen in Bezug auf zukünftige Versorgungsnotwendigkeiten (Krankenhaus, Pflege, Heimbetreuung, etc.)
• Vorkehrungen in Bezug auf weiteres Ansteigen der medizinischen Kosten
• Entsprechende Ausbildungsmaßnahmen in den medizinischen und sozialen Berufen
• Geriatrisierung der ärztlichen Fachdisziplinen, wie von Neurologie und Psychiatrie geübt
Neurologe Prof. Schmidt: Geistiger Abbau, eine zunehmende Herausforderung!
„Berechnungen aufgrund einer neuen europäischen Meta-Analyse ergeben, dass in Österreich jährlich rund 1,1 Milliarden Euro für die Versorgung Demenzkranker anfallen“, berichtet Univ.-Prof. Dr. Reinhold Schmidt (Universitätsklinik für Neurologie, Graz; Präsident der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft – ÖAG). Etwa drei Viertel davon machen die nicht-medizinische Kosten aus, während die medizinischen Kosten nur etwa ein Viertel betragen. Die Kosten, die durch die medikamentöse Behandlung entstehen, liegen nur bei 6 Prozent der Gesamtkosten für die Versorgung Demenzkranker. Der größte Teil der nicht-medizinischen Kosten wird von den Familien getragen.
Betreuung von Demenzpatienten überfordert die Angehörigen und macht sie krank
„Die Betreuung von Demenzpatienten – und wir sprechen hier nicht von Pflege – liegt zum überwiegenden Teil bei den Angehörigen. Nur Betroffene können tatsächlich ermessen was es heißt, 24 Stunden am Tag verfügbar sein zu müssen, um Demenz-Kranke zu beschäftigen und zu beaufsichtigen“, so der ÖAG-Präsident. Wie groß diese Belastung ist, wird ersichtlich, wenn man den Gesundheitszustand der Betreuungspersonen betrachtet: Mehr als ein Drittel von ihnen leiden an schweren Depression und die Sterblichkeitsrate ist je nach Belastung gegenüber der Allgemeinbevölkerung um das 5-7-fache erhöht.
Prof. Schmidt: „Die Tatsache, dass es Betreuungspersonen in den Familien gibt, erteilt der Gemeinschaft nicht die Absolution davon sicherzustellen, dass Versorgungsstrukturen und Gesetze die Familie unterstützen. Die moralische und gesetzliche Verantwortlichkeit des Einzelnen und der Familie muss dort aufhören, wo er/sie seine eigene Gesundheit und sein Wohlergehen gefährdet. Die ‚Pflegedebatte’ widmet sich diesem Thema nicht!“ Entlastungsmodelle für Angehörige seien jedoch dringlich erforderlich, und die ÖAG plant eine groß angelegte Informationsoffensive „memories 2008“ im kommenden Jahr.
Umfassende Demenz-Therapie – Neuigkeiten in der Alzheimer-Therapie
Demenztherapie zielt nicht allein auf die Vergesslichkeit ab. Im Laufe dementieller Erkrankungen kommt es oft zu Verhaltensstörungen, Depressionen, Wahn oder Halluzinationen. Diesen Verhaltensauffälligkeiten und ihrer Behandlung wird im Rahmen des Kongresses breiter Raum gewidmet.
Ein Symposium widmet sich der Substanz Memantine und präsentiert eine multimodale Imagingstudie aus Graz, in der erste in vivo-Hinweise auf neuroprotektive dieser Substanz bei Alzheimer-PatientInnen gezeigt werden. Prof. Schmidt: „Diese Pilotstudie nimmt auch international eine Vorreiterrolle ein.“
Neue Daten werden auch zu den Cholinesterase-Hemmern vorgestellt. Eine renommierte internationale „Faculty“ zeigt neue Ergebnisse zur Therapie mit Rivastigmin in Pflasterform, und präsentiert Ergebnisse, die ähnliche Effekte durch die einmalige Pflasterapplikation belegen wie mit Hochdosistablettengabe. Ebenso werden neue Daten zur Effektivität des Cholinesterase-Hemmers Donepezil vorgestellt.
137.000 Schizophrenie-Erkrankungen: Vorurteile und Stigmatisierung erschweren die Situation
Eines der Hauptthemen des Kongresses ist die Schizophrenie. „Diese ist keineswegs ein Minderheiten- und Außenseiterproblem: in Österreich leiden etwa 137.000 Menschen daran“, sagt Univ.-Prof. Dr. Christoph Stuppäck (Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie CDK Salzburg, PMU; Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie – ÖGPP). „Allerdings ranken sich grade um diese Krankheit noch immer zahlreiche falsche Klischees und Vorurteile, und die damit verbundene Stigmatisierung von Erkrankten verkompliziert deren Situation zusätzlich.“
Schizophrenie wird fälschlicherweise oft mit Persönlichkeitsspaltung oder multipler Persönlichkeit in Verbindung gebracht, wie zum Beispiel in dem Roman „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“. Schizophrenie hat jedoch nichts mit Persönlichkeitsspaltung zu tun, und ist außerdem heute gut behandelbar. Tatsächlich ist Schizophrenie eine Erkrankung der Psyche, die das Leben eines davon Betroffenen phasenweise stark verändert. Charakteristisch dafür sind Realitätsverlust mit Wahnideen und Halluzinationen, Denk- und Wahrnehmungsstörungen, Identitätsverlust und sozialer Rückzug. Prof. Stuppäck: „Ziel der Behandlung ist es, Betroffenen, die sich oft nach Außen und Innen völlig abschotten, wieder zu einem ‚normalen’ Leben zu verhelfen.“


Psychische Erkrankungen kosten Österreich jährlich 7,155 Mrd. Euro, und damit etwa 3 Prozent des Österreichischen BIP. Spitzenreiter sind hier die Erkrankungen aus dem Depressionsspektrum. Obwohl zahlenmäßig deutlich seltener, rechnet Prof. Stuppäck vor, verursachen Patienten mit schizophrenen Erkrankungen Kosten von 1,3 Mrd. Euro. Jeder Patient mit Schizophrenie kostet die Steuerzahler jährlich 9.487 Euro. Die Rechnung kann man auch so anstellen: Jeder Österreicher zahlt dafür jährlich 161 Euro.


Im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion stehen häufig die Medikamentenkosten, diese belaufen sich jedoch bei der Schizophrenien nur etwa auf ein Prozent der Gesamtkosten, wesentlich höhere Beiträge liefern die Kosten von Krankenständen (31 Prozent) sowie die Krankenhausbehandlungen (21 Prozent).


Öffentliche Hand gibt zur Erforschung und Therapie der Schizophrenien zu wenig Geld aus
„Die öffentliche Hand gibt zur Erforschung, aber auch Behandlung der Schizophrenien zu wenig Geld aus“, kritisiert Prof. Stuppäck. „Das Volk, vor allem aber auch Politiker haben zwar vor schizophrenen Menschen Angst, nicht jedoch davor, selbst zu erkranken. Politiker haben Angst, Schlaganfälle, Herzinfarkte oder Krebs zu bekommen, daher fließen in diese Bereiche überproportional mehr Gelder.“


Der 1. Schülerkongress zu Sucht, Essstörung & Co
Der von ÖDPP und ÖGN gemeinsam organisierte 1. Schülerkongress in Salzburg richtet sich an Schüler und Schülerinnen von der 6. Gymnasialstufen aufwärts und behandelt die Themen Sucht, Essstörungen, Kopfschmerz und Aphasie, also Sprachverlust durch Erkrankungen oder Verletzungen des Gehirns. Das Thema Sucht bzw. Abhängigkeit etwa reicht von der Schokolade bis hin zum Internet. Der Schülerkongress bietet Information und Aufklärung zu diversen Suchtmitteln wie Alkohol, Nikotin, Cannabis, Heroin, Kokain oder Amphetamine. Er behandelt aber auch nicht-substanzgebundene Süchte wie die Spiel-, Computer- oder Internetsucht. Dabei sollen die Unterschiede zwischen Gebrauch, schädlichem Gebrauch und Abhängigkeit deutlich gemacht werden. In einem interaktiven Seminar wird über das Thema Kopfschmerzen informiert, von „harmlosen“ Formen bis hin zu Kopfschmerz als Warnsignal für wichtige Erkrankungen, wobei die Schülerinnen und Schüler auch ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Thema einbringen sollen.
Unter dem Titel „Essstörungen sind uncool“ wird dieses Thema anhand von plastischen Fallgeschichten interaktiv erarbeitet werden.

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